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Wer an einem sonnigen Herbstmorgen durch den Wald wandert, wird staunen, wieviel Spinnennetze er sieht - zwischen Gräsern und Büschen, aber auch in den höheren Lagen der Bäume. Tausende von Tautröpfchen lassen die Fäden im Sonnenlicht wie filigrane Perlenschnüre erscheinen.
Doch Poesie beiseite: Bei diesen zarten Konstruktionen handelt es sich um Fangnetze. Die bekanntesten sind wohl die Radnetze der verschiedenen Kreuzspinnenarten. Zur großen Zahl der anderen Netztypen gehört - beispielsweise - das horizontal gespannte Netz der Baldachinspinne.
Diese Fangnetze, besonders das Radnetz, sind gleichsam die Gipfelleistungen einer überaus langen Evolution. Zunächst einmal dienten die Spinnfäden dem Schutz des eigenen Leibes, also dem Bau der Behausung. Ein weiterer evolutionärer Schritt war der Schutz der Nachkommen: Aus den Fäden entstanden Ei-Kokons. Und schließlich, als technischer Höhepunkt, kam es zur Herausbildung von Fangnetzen. Deren Gewebe sind so vielgestaltig wie die Spinnen selbst: Da gibt es einfache, nicht klebende Stolperfäden, welche die Flucht eines Insekts behindern sollen; da gibt es, schon perfider, eigens mit Klebstoff besetzte Fäden; da gibt es schließlich die mit feiner Kräuselwolle belegten Gespinste, worin das Beutetier -eine Fliege, ein Käfer - sich unlösbar verheddert.
Allerdings, bei weitem nicht alle 30000 Spinnenarten, die auf der Welt leben, bauen auch Netze. Die in unseren Wäldern so häufig vorkommenden Wolfsspinnen zum Beispiel warten nicht am Rand eines Netzes auf Beute - sie erlegen sie auf ihren Pirschgängen. Eine Kreuzspinne baut ihr Radnetz in drei aufeinanderfolgenden Phasen:
1 - Speichen- und Rahmenbau. Die Spinne entläßt aus den Warzen an ihrem Hinterleib einen Seidenfaden. Vom Wind getragen, kann das Anfangsstück dieses Windfadens - wie man ihn nennt - einen Gegenstand erreichen und daran festkleben. Durch kurzes Ziehen überprüft die Spinne die Haltbarkeit dieses Horizontalfadens. Während sie einen neuen Faden produziert, hangelt sie sich zur Mitte des Windfadens vor, wobei dieser erste Faden sogleich bis zur Mitte von ihr verzehrt wird (a). Dort angekommen, seilt sie sich zu einem dritten Festpunkt ab (b): die ersten drei Speichen -oder Radialfäden - sind entstanden. Vom Zentrum zieht die Spinne nun weitere Speichen und zugleich die Rahmenfäden (c). Spinnen arbeiten wirtschaftlich: oft wird dabei der vorgegebene Faden, das Gerüst, verzehrt und ein neuer Faden eingezogen.
2 - Das Anlegen der Hilfsspirale. In das solcherart entstandene Gerüst setzt die Spinne nun vom Zentrum aus die sogenannte Hilfsspirale ein. Auch an deren Faden haften noch keine Klebetröpfchen, er dient einzig der Stabilisierung des Netzes.
3 - Das Einziehen der Fangspirale. In mehreren Umläufen, allesamt enger geführt als die Hilfsspirale , zieht die Kreuzspinne schließlich den Klebfaden ein. Gleichzeitig beißt sie die Hilfsspirale heraus und verzehrt sie.